bis 13. Jahrhundert
Wein war den Ungarn und ihren Nachbarvölkern bereits im 5. Jahrhundert bekannt, als sie noch am Asowschen Meer, dem antiken Meotis, siedelten. Als die 106 magyarischen Sippen sich schließlich im 9. Jahrhundert im Karpatenbecken niederließen, dürfte auch die blühende Rebenzucht zum Entschluß der Landnahme beigetragen haben. Welche Bedeutung die Trauben hatten, zeigt ihre Auflistung in der Stiftungsurkunde der Abtei von Pannonhalma, wo König Stephan I. (1001-1038) sie unter den Erzeugnissen, die dem Zehnt unterliegen, an erster Stelle nennt. Das erste Dokument über Sandkulturen datiert aus dem Jahre 1075, als Géza I. die Anpflanzungen bei Felsöalpár der Abtei von Garamszentbenedek (heute Benedikt nad Hronom, Slowakei) überschrieb. Unter König Géza II. (1141-1162) wurden nahe der Budaer Burg bereits Wälder gerodet und Weingärten angelegt, zunächst an den Hängen von Óbuda, dem Kis-Gellérthegy und dem Sashegy. Aufzeichnungen zufolge versorgte Béla III. (1173-1198) die durchziehenden Kreuzritter reichlich mit Rebensaft. In diese Zeit fällt übrigens auch der Beginn des Weinhandels. Von der Entwicklung der Weingärten an der Budaer Burg künden eine Urkunde aus dem Jahre 1211 sowie drei Schriften, in denen Andreas II. (1205-1235) anno 1212 der hiesigen Kirche lokale Weinrechte zusicherte. Ein schlimmer Schlag für den florierenden Weinbau - und das ganze Volk - war der Einfall der Mongolen, die 1241 das Land verwüsteten. Den Wiederaufbau leitete Béla IV. (1235-1270) mit den weisen Verordnungen eines zweiten Staatsgründers. Im Hafen und auf dem Markt von Buda mußten Weizenöle entrichtet werden. Während der Herrschaft des letzten Arpadenkönigs, Andreas III. (1290-1301), erlebte der Weinexport, vor allem ins Römisch-Deutsche Reich und nach Polen, einen weiteren Aufschwung.
13. bis 16. Jahrhundert
Nachdem Karl Robert von Anjou (1308-1342) den Kampf um den ungarischen Thron gewonnen hatte, konsolidierten sich die Zustände, so daß Weinbau und Weinhandel sich neuerlich entfalten konnten. Ludwig der Große (1342--1382) setzte - politisch wie ökonomisch - das Werk seines Vaters fort. Die Anjou-Herrscher erwiesen sich als würdige Nachfolger der Arpadenkönige, die die planmäßige Rebenzucht eingeführt hatten. Mit dem Erlöschen der Dynastie erfuhren leider auch Weinbau und Weinhandel einen Niedergang. Zur Zeit von König und Kaiser Sigismund (1387-1437) beeinträchtigten Krieg und Hader die öffentliche Sicherheit dermaßen, daß der Weinhandel fast völlig erlahmte. Nicht die Qualität der ungarischen Rebsäfte ließ zu wünschen übrig, sondern die äußeren Umstände verursachten den Exportschwund. König Matthias (1458-1490) brachte das Land zu einer neuen Blüte. Gewerbe und Handel boomten, die Städte wuchsen, die humanistische Bildung, die Kunst der Renaissance und der Weinbau expandierten. Der anschließende wirtschaftliche Ruin gipfelte, vor allem nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes unter Dósza (1514), in etlichen Maßnahmen und Gesetzen zur Unterdrückung der Leibeigenen. Die wiederholten Erbfolgezwiste und die folgende Herrschaft der Jagellonen (1490-1526) stürzten Wirtschaft und Verarmung ins Bodenlose. Das Geld verlor ständig an Wert und begünstigte keine Großinvestitionen wie sie im Reben- und Weinsektor erforderlich sind. Einen weiteren Rückgang brachte die verlorene Schlacht von Mohács, der 150 Jahre türkische Besetzung folgten.
17. bis 19. Jahrhundert
Erst 1686 erwachten die Traubenkulturen zu neuem Leben, wobei sich die nichtbesetzten Weingegenden besonders schnell entwickelten. In Ungarn des 18. und 19. Jahrhunderts wurde fast überall Wein angebaut und gekeltert. Der rapide Aufschwung schlug sich auch in den Beziehungen zu den Habsburgern beziehungsweise zu Österreich nieder. Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte die Weinproduktion Rekordhöhen, aber die Qualität hatte teilweise darunter zu leiden, so daß der Export in Höhe von vier Millionen Ahm nicht weiter aufzustocken war. Damals, als die Weinmärkte in Europa aufgeteilt wurden, hatte Ungarn das Nachsehen. Die erste umfassende konstruktion der heimischen Weinregionen, die neben der Phylloxera auch von der Peronospora in Mitleidenschaft gezogen wurden, erfolgte in hartem, über dreißigjährigem Arbeitsaufwand. Die zweite ausgedehnte Erneuerung begann in den sechziger Jahren und ist noch immer nicht vollständig abgeschlossen. In diesem auf tausendjährige Tradition zurückblickenden Produktionszweig, dessen Entwicklungsstufen in Jahrhunderten gemessen werden, sind Veränderungen nur langsam und allmählich möglich.
19. Jahrhundert bis heute
Das Ende der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa hat auf den jahrzehntelang zentral dirigierten Weinbau tiefgreifende Auswirkungen gezeigt. Die Absatzmärkte hatten bis dahin fast ausschließlich im anspruchslosen Sowjetblock gelegen. Die damaligen Absatzkanäle verschwanden 1989 buchstäblich über Nacht. Für die meisten Länder (mit Ausnahme von Bulgarien) waren die Handelsverbindungen mit westlichen Märkten seit langem abgeschnitten. Ein Neubeginn war unumgänglich. Ungarn, dem Westen am nächsten, war das erste Land, das westliche Unterstützung und die Technologie der "Flying Winemakers" hinzuzog. In jeder Hinsicht, historisch wie kulturell, ist Ungarn unbestreitbar das führende Land. Neben Frankreich und Deutschland verfügt es über die älteste und am höchsten entwickelte Tradition in der Qualitätsweinerzeugung. Die Rebfläche Ungarns umfaßt etwa 110 000 ha. Selbst unter dem früheren Regime gab es auch in Tokaj viele kleine Weinbergbesitzer (mit jeweils maximal 10 ha), die allerdings ihre Trauben bei den Staatsweingütern zur Vinifizierung abliefern mußten. Heute befinden sich noch einige Weinberge in Staatsbesitz, die meisten jedoch sind ganz oder teilweise reprivatisiert. Weite Flächen gehören großen Erzeugerbetrieben oder Genossenschaften, ein bedeutender Teil aber ist Eigentum kleiner Grundbesitzer, die oft mit Unterstützung ausländischer Partner oder fremden Kapitals in eigene Weinbereitungsanlagen investiert haben. Schon ab 1990 bestand die Möglichkeit, daß ausländische Interessenten mit Gruppen kleiner Landbesitzer Gemeinschaftsunternehmen bilden konnten (das erste entstand in dem Ort Mád bei Tokaj). Die Weine solcher Unternehmen durften von diesen ohne Beteiligung der staatlichen Kellereien abgefüllt werden.
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